Kompressionsstrümpfe lindern Venenbeschwerden bei Adipositas
In Deutschland leben circa 37 Millionen Erwachsene mit Übergewicht (Body-Mass-Index, BMI ≥ 25 kg/m²), 13 Millionen davon sind adipös (BMI ≥ 30 kg/m²).1 Adipositas ist ein gravierender Risikofaktor für die Adipositas-assoziierte funktionelle venöse Insuffizienz (AA-FVI). Die Ursache für die AA-FVI ist die Obstruktion der Venen in der Leistenregion (insbesondere der Vena saphena magna und der Vena femoralis) durch abdominelle Fettgewebsmassen. Durch diese sogenannte Fettschürze erhöht sich der Druck in der Leiste. Dies hat einen höheren intravenösen Druck und eine geringere Blutflussgeschwindigkeit in den Beinen zur Folge. Dabei gilt: Je höher der BMI, desto größer das Risiko für eine AA-FVI.2, 3 Bei einer länger anhaltenden, nicht behandelten venösen Insuffizienz kann es neben der subjektiven Beschwerdesymptomatik zu Veränderungen kommen, wie sie sonst für eine chronisch venöse Insuffizienz typisch sind: beispielsweise Ödeme, Hyperpigmentierung, Dermatolipofasziosklerose, Erysipele, Atrophie blanche, Wundheilungsstörungen oder Ulzera.2, 4, 5
Durch starkes Übergewicht verursachte Venenbeschwerden wie Schwellung, Schweregefühl und Schmerzen lassen sich durch das Tragen von medizinischen Kompressionsstrümpfen (MKS) effektiv und schnell lindern. Das belegt eine kontrollierte klinische Studie unter Federführung von Prof. Dr. Markus Stücker, Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, Klinikum der Ruhr-Universität Bochum.6 Insgesamt untermauert die Studie den leitliniengerechten Einsatz von medizinischen Kompressionsstrümpfen als wirksame Basistherapie bei venösen Beschwerden infolge von Adipositas.
Grundsätzlich ist die Adipositas zudem auch ein unabhängiger Risikofaktor für die Entstehung einer Thrombose,7, 8 der durch Kompressionstherapie ebenfalls effektiv vorgebeugt werden kann.9
Nähere Informationen zur klinischen Studie und den Scientific Summaries finden Sie unter den jeweiligen Reitern.
Klinische Studie
Wissenschaftliche Studie bestätigt: Medizinische Kompressionsstrümpfe lindern venöse Beschwerden auch bei Patient:innen mit Adipositas6
Die AA-FVI ist in der S2k-Leitlinie zur Medizinischen Kompressionstherapie bereits als Indikation verankert.9 Der Nutzen von MKS bei Vorliegen einer AA-FVI wird nun durch die Ergebnisse einer klinischen Studie wissenschaftlich bestätigt.6
Ziel der kontrollierten Untersuchung war herauszufinden,
- ob medizinische Kompressionsstrümpfe die Venenbeschwerden bei adipösen Menschen lindern,
- wie sich die klinischen Symptome entwickeln,
- wie die adipösen Patient:innen Tragekomfort, Handhabung und Sitz der MKS bewerten,
- ob sie die Therapie konsequent durchführen und
- für welche Art Kompressionsstrumpf – rundgestrickter oder flachgestrickter MKS – sie sich entscheiden.
Insgesamt nahmen 49 Patient:innen, 37 Frauen und 12 Männer, mit einem Body-Mass-Index (BMI) von 30 bis 40 kg/m² an der Studie teil. Die Teilnehmenden wiesen unterschiedlich schwere Symptome wie Hautveränderungen und Ödeme auf, die auf eine eingeschränkte Funktion der Venen zurückgehen. Das Durchschnittsalter lag bei 54 Jahren.
Während die Patient:innen in der ersten Untersuchungswoche zu Kontrollzwecken keine medizinische Kompressionsversorgung trugen, war in der zweiten Woche für alle am linken Bein der medizinische Flachstrickstrumpf mediven 550 Bein und am rechten Bein der medizinische Rundstrickstrumpf mediven forte Pflicht. Anschließend mussten sich die Patient:innen für die folgenden drei Wochen auf eine Strumpfqualität für beide Beine festlegen. Zum Einsatz kamen knielange MKS der Kompressionsklasse 2 (23 bis 32 mmHg).
Die Ergebnisse der Studie zeigten, dass das Tragen medizinischer Kompressionsstrümpfe die venösen Beschwerden sehr rasch und signifikant verringerte. Schon in der ersten Woche gingen Schwellung, Schweregefühl, Schmerzen und Pochen zurück. Während der vier Wochen, in denen die Proband:innen die Strümpfe trugen, nahm der zusammenfassende Varicose Veins Symptoms Questionnaire (VVSymQ)-Beschwerdescore im Mittel um 42,6 Prozent des Ausgangswertes ab (p < 0,00001). Außerdem verringerte sich der Anteil der Patient:innen mit klinisch relevantem Ödem während der Therapie von 47 auf 15 Prozent, der Anteil der Patient:innen mit Xerosis cutis (Hauttrockenheit) von 40 auf 23 Prozent.
Tragekomfort, Handhabung und Sitz der Strümpfe bewertete eine deutliche Mehrheit der Patient:innen mit gut oder sehr gut. Sowohl Rundstrick- als auch Flachstrickversorgungen zeigten sich medizinisch wirksam. 62,5 Prozent der Proband:innen entschied sich nach der Probewoche für rundgestrickte Strümpfe, 37,5 Prozent für flachgestrickte. Getragen wurden die Strümpfe täglich zwischen neun und zehn Stunden. Die Adhärenz zur medizinischen Kompressionstherapie war exzellent: Insgesamt trugen die adipösen Patient:innen ihre MKS 9,6 Stunden täglich, was in etwa dem Trageverhalten von normalgewichtigen Patient:innen entspricht.10 Tendenziell wurde Flachstrick mit durchschnittlich etwa zehn Stunden pro Tag etwas länger getragen als Rundstrick mit etwa neun Stunden pro Tag.6
Schlussfolgerung der Autoren6
Mit dieser klinischen Studie liegen zum ersten Mal spezifische Daten zur Anwendung der Medizinischen Kompressionstherapie (MKT) bei Patient:innen mit AA-FVI vor. Die Studienergebnisse bestätigen die Wirksamkeit der MKT bei dieser Patientenklientel:
- „Die Beschwerden und Symptome einer Adipositas-assoziierten funktionellen venösen Insuffizienz können durch MKS effektiv und nebenwirkungsarm behandelt werden.“
- „Die Effekte treten unmittelbar, bereits in der ersten Woche der Tragezeit ein. Schwellung, Schweregefühl, Schmerzen und Pochen gehen zurück.“
- „Die Patient:innen präferieren teils Rundstrick, teils Flachstrick, beide MKS sind medizinisch wirksam.“
- „Die Bewertung der MKS ist auch bei adipösen Patient:innen mit einem BMI von 30 bis 40 kg/m² überwiegend gut oder sehr gut in Bezug auf sowohl Tragekomfort als auch Handhabung.“
- „Die Adhärenz zur Kompressionstherapie ist bei adipösen Patient:innen nicht niedriger als in der Normalbevölkerung.“
- „Es ist davon auszugehen, dass die gute Therapieadhärenz mit dem guten Tragekomfort und insbesondere mit der sehr raschen und signifikanten Verringerung der von den adipösen Patient:innen genannten venösen Beschwerden einhergeht.“
- „Die Ergebnisse sind für die Behandlung von Adipositas und Venenerkrankungen von hoher Relevanz, da eine anhaltende, unbehandelte venöse Insuffizienz neben der subjektiven Symptomatik auch zu schwerwiegenden Komplikationen wie Erysipel, Wundheilungsstörungen oder Ulzerationen führen kann.“
Bei den Zitaten handelt es sich um wörtliche Übersetzungen der englischsprachigen Veröffentlichung.
Die Ergebnisse dieser klinischen Studie sind für die Behandlung von Adipositas und Venenerkrankungen von hoher Relevanz. Denn: Eine anhaltende, unbehandelte venöse Insuffizienz kann neben der gefühlten Beeinträchtigung auch zu schwerwiegenden Komplikationen wie Wundheilungsstörungen oder Ulzerationen führen.
Die komplette Veröffentlichung6 können Sie sich unter dem folgenden Link herunterladen.
Zudem haben wir Ihnen die wichtigsten Fakten der Studie in einem informativen Scientific Summary zusammengefasst. Dieses finden Sie unter dem Reiter „Scientific Summary".
Leitlinien
Die S2k-Leitlinie „Medizinische Kompressionstherapie der Extremitäten mit medizinischem Kompressionsstrumpf (MKS), phlebologischem Kompressionsverband (PKV) und medizinischen adaptiven Kompressionssystemen (MAK)“ gibt auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse evidenzbasierte Empfehlungen zur Anwendung medizinischer Kompressionstherapie. Die Leitlinie benennt die „Adipositas mit funktioneller venöser Insuffizienz“ explizit als zu berücksichtigende Indikation für die medizinische Kompressionstherapie zur Verbesserung der venösen Symptome.9 Die komplette S2k-Leitlinie zur Medizinischen Kompressionstherapie können Sie unter AWMF-Leitlinienregister herunterladen.
Scientific Summary
Scientific Summary – Aktuelles aus der Wissenschaft zum Einfluss der medizinischen Kompressionstherapie auf die Beschwerdesymptomatik bei Adipositas-assoziierter funktioneller venöser Insuffizienz
Die Scientific Summaries geben Ihnen übersichtlich, kurz und kompakt einen Überblick zu
- den aktuellen Ergebnissen aus klinischen Studien,
- zu Leitlinienempfehlungen oder
- sonstigen wissenschaftlichen Veröffentlichungen.
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Quellen anzeigen
1 Schienkiewitz A et al. Overweight and obesity among adults in Germany – Results from GEDA 2019/2020-EHIS. J Health Monit 2022;7(3):21-28.
2 Dörler M, Altmeyer P, Stucker M. Venous leg ulcer caused by obesity-associated dependency syndrome. Case report and discussion of the pathogenesis and treatment. Phlebologie 2013;42(04):205-208.
3 Willenberg T et al. The influence of abdominal pressure on lower extremity venous pressure and hemodynamics: a human in-vivo model simulating the effect of abdominal obesity. Eur J Vasc Endovasc Surg 2011;41(6):849-55.
4 Reich-Schupke S. Compression therapy in obese patients. Phlebologie 2015;44:71-76.
5 Darlenski R, Mihaylova V, Handjieva-Darlenska T. The link between obesity and the skin. Front Nutr 2022 Mar 10;9:855573.doi:10.3389/fnut.2022.855573.
6 Stücker M, Olbricht W. Medical compression stockings reduce the symptoms of obesity-associated functional venous insufficiency. Phlebology 2026;41(3):224-233. online frei verfügbar unter journals.sagepub.com/doi/10.1177/02683555251358920
7 La Rosa F, Montecucco F, Liberale L et al. Venous thrombosis and obesity: from clinical needs to therapeutic challenges. Intern Emerg Med 2025;20(1):47-64.
8 Pastori D, Cormaci VM, Marucci S et al. A comprehensive review of risk factors for venous thromboembolism: from epidemiology to pathophysiology. Int J Mol Sci 2023;24(4):3169.
9 Rabe et al. S2k-Leitlinie: Medizinische Kompressionstherapie der Extremitäten mit Medizinischem Kompressionsstrumpf (MKS), Phlebologischem Kompressionsverband (PKV) und Medizinischen adaptiven Kompressionssystemen (MAK). Stand: 31.12.2018. Online veröffentlicht unter: www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/037-005.html (Letzter Zugriff 01.12.2025).
10 Stücker M, Rabe E. Medizinische Kompressionsstrümpfe bei chronischen venösen Erkrankungen und Lymphödem: Wissenschaftliche Evidenz und Ergebnisse einer Patient*innen-Befragung zur Versorgungsqualität. Dermatologie (Heidelb) 2022;73(9):708-717.
