Medizinisch-wissenschaftliche Informationen zur Kompressionstherapie in der Schwangerschaft

Medizinische Kompression zeigt positive Effekte bei typischen Schwangerschaftsbeschwerden

Medizinisch-wissenschaftliche Informationen zur Kompressionstherapie in der Schwangerschaft

Die Anwendung von medizinischer Kompression in der Schwangerschaft – leitliniengerecht, effektiv und sicher

In der Schwangerschaft durchlebt der Körper einer Frau viele Veränderungen, die das Wohlbefinden beeinflussen können.
Je nach Schwangerschaftsphase können unterschiedliche Beschwerden auftreten (Abb. 1).
Vor allem zu Beginn der Schwangerschaft leiden 50 – 80 % der Schwangeren an Übelkeit und Erbrechen1, wohingegen schwangerschaftsinduzierte Ödeme meist erst im zweiten Trimester auftreten.
Das Thromboserisiko ist während der kompletten Schwangerschaft erhöht und sinkt erst wieder sechs Wochen nach der Geburt auf einen normalen Wert.2

Erstes Trimester

  • Erhöhtes Thromboserisiko aufgrund der hormonell-bedingten Veränderung der Blutgerinnung
  • Nachlassender Tonus der Blutgefäße (durch erhöhten Gestagenspiegel) und erhöhtes Blutvolumen (Möglichkeit der Varizenentstehung)
  • Schwindel
  • Übelkeit und Erbrechen

Abb.: Auswahl typischer Schwangerschaftsbeschwerden im zeitlichen Verlauf

In klinischen Studien konnte gezeigt werden, dass medizinische Kompressionsstrümpfe (MKS) einen positiven Einfluss auf typische Schwangerschaftsbeschwerden haben. Dazu zählen die Reduktion von Ödemen der unteren Extremitäten sowie die Linderung von Übelkeit und Erbrechen, Schwindel und Schmerzen. Zudem zeigt sich ein Einfluss der medizinischen Kompression auf die gesundheitsbezogene Lebensqualität inklusive psychologischer sowie physiologischer Parameter.1,3

Auch die aktuelle S2k-Leitlinie „Medizinische Kompressionstherapie“ empfiehlt den Einsatz medizinischer Kompressionsstrümpfe (MKS) in der Schwangerschaft.4

Leitlinien

Leitlinien empfehlen den Einsatz medizinischer Kompressionstherapie bei Schwangerschaftsbeschwerden

Die Anwendung der medizinischen Kompressionstherapie ist auch in der aktuellen S2k-Leitlinie „Medizinische Kompressionstherapie“ verankert.
Die folgenden Indikationen, die im Kontext Schwangerschaft eine entscheidende Rolle spielen, sollen für die medizinische Kompressionstherapie berücksichtigt werden:

  • Ödeme in der Schwangerschaft
  • Übelkeit und Schwindel in der Schwangerschaft
  • Stauungsbeschwerden in der Schwangerschaft
  • Varikose
  • Thromboseprophylaxe bei mobilen Patienten
  • Oberflächliche Venenthrombose
  • Tiefe Beinvenenthrombose

(siehe Leitlinienempfehlung 28; höchster Empfehlungsgrad „soll“)4

Auch die S3-Leitlinie „Prophylaxe der venösen Thromboembolie“ weist darauf hin, dass die Schwangerschaft und die postpartale Periode als dispositionelle Risikofaktoren für die Entstehung einer venösen Thromboembolie (VTE) gelten.5
In der Schwangerschaft sowie postpartum ist das VTE-Risiko um das Vier- bis Fünffache erhöht.6,7 Zu den maternalen thromboembolischen Ereignissen zählen oberflächliche und tiefe Venenthrombosen, Lungenembolien und Ovarialvenenthrombosen.

Ursachen und Risikofaktoren für venöse Thrombosen

Ursächlich für das erhöhte VTE-Risiko in der Schwangerschaft ist die Veränderung des hormonellen Status und die zunehmende Kompression der großen Beckengefäße durch den im Laufe der Schwangerschaft größer werdenden Uterus.8 Eine Entbindung per Kaiserschnitt erhöht das VTE-Risikos zusätzlich um den Faktor 5.9

Auch additive Risikofaktoren können das Thromboserisiko während der Schwangerschaft weiter steigern.
Dazu zählen beispielsweise:

  • Eine wiederholte Thrombose in der Eigenanamnese5
  • Eine angeborene oder erworbene Thrombophilie5
  • Das Vorliegen einer Adipositas. Studien zeigen, dass das Risiko in der Schwangerschaft und auch postpartum eine Thromboembolie zu entwickeln mit zunehmendem Body Mass Index (BMI) ansteigt.10-12
  • Das Vorliegen einer Querschnittslähmung. Diese kann das Thromboserisiko während einer Schwangerschaft zusätzlich erhöhen. Das Risiko während der Schwangerschaft eine Thrombose zu erleiden, liegt in diesem Fall bei 8%.13

Maßnahmen zur VTE-Prophylaxe

Unabhängig von möglichen Risikofaktoren sollten bei allen Schwangeren folgende Maßnahmen zur VTE-Prophylaxe bereits ab der frühen Schwangerschaftsphase angewendet werden:5

  • Basismaßnahmen: Frühmobilisation, Bewegungsübungen, Anleitung zu Eigenübungen
  • Physikalische Maßnahmen: Kompression

Die kompletten Leitlinien können Sie sich unter www.awmf.org herunterladen:

S2k-Leitlinie „Medizinische Kompressionstherapie“ 

S3-Leitlinie „Prophylaxe der venösen Thromboembolie“ 

S3-Leitlinie „Adipositas und Schwangerschaft“ 

S2k-Leitlinie „Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett bei Frauen mit Querschnittslähmung“ 

Die Wirksamkeit der medizinischen Kompressionstherapie wurde in mehreren klinischen Studien wissenschaftlich belegt. Nähere Informationen finden Sie unter dem Reiter „Klinische Studien“.

Klinische Studien

Klinische Studien bestätigen: Medizinische Kompressionsstrümpfe lindern typische Schwangerschaftsbeschwerden

Klinische Studien zeigen, dass die Anwendung medizinischer Kompressionsstrümpfe (MKS) einen positiven Effekt auf Schwangerschaftsbeschwerden hat:

  • Verbesserung der Pumpfunktion der Venen und somit positive Beeinflussung der venösen Hämodynamik4,14
  • Signifikante Reduktion der mit Varizen assoziierten Beschwerden wie Schmerzen, Schwellungen und Schweregefühl in den Beinen15
  • Positive Wirkung auf Orthostasebeschwerden16
  • Signifikante Linderung von Übelkeit, Erbrechen und Schwindel

MKS verbessern Varikose-assoziierte Beschwerden

Das Tragen von MKS während der Schwangerschaft reduziert signifikant die Beschwerden, die im Rahmen einer Varikose auftreten und durch die Schwangerschaft verstärkt werden. Das wurde in einer klinischen Studie mit 60 schwangeren Patientinnen nachgewiesen. Im Vergleich zur Kontrollgruppe traten bei den schwangeren Patientinnen, die einen MKS trugen, weniger Schmerzen und Schwellungen sowie weniger Schweregefühl in den Beinen auf.

Weitere Informationen zu der Patientenpopulation, dem Studiendesign, sowie den Ergebnissen finden Sie in der folgenden Infografik.

Die vollständige Publikation können Sie sich unter dem folgenden Link herunterladen:

Graduated compression stockings effects on chronic venous disease signs and symptoms during pregnancy

Symptome wie Schwindel und Erbrechen werden durch MKS gelindert

Mendoza et al. zeigten in einer klinischen Studie an 74 Schwangeren, dass durch die Anwendung von MKS Symptome wie Übelkeit und Erbrechen sowie Schwindel weniger häufig auftreten.1
Die Studienergebnisse haben wir in einer Infografik zusammengefasst.

Die vollständige Publikation können Sie sich unter dem folgenden Link herunterladen:

A randomized crossover trial on the effect of compression stockings on nausea and vomiting in early pregnancy

Scientific Summaries

Scientific Summary – Aktuelles aus der Wissenschaft zur Anwendung der medizinischen Kompressionstherapie bei Schwangerschaftsbeschwerden

Die Scientific Summaries geben Ihnen übersichtlich, kurz und kompakt einen Überblick zu

  • den aktuellen Ergebnissen aus klinischen Studien,
  • zu Leitlinienempfehlungen oder
  • sonstigen wissenschaftlichen Veröffentlichungen.

Laden Sie hier die Zusammenfassungen herunter:

Quellen:

1Mendoza E, Amsler F. A randomized crossover trial on the effect of compression stockings on nausea and vomiting in early pregnancy. Int J Womens Health 2017;9:89-99.
2Mendoza E. Kompression in der Schwangerschaft lindert Beschwerden. Ars medici 2013;19.965-966.
3Ochalek K et al. Risk Factors Related to Lower Limb Edema, Compression, and Physical Activity During Pregnancy: A Retrospective Study. Lymphat Res Biol 2017;15(2):166-171.
4Rabe E et al. S2k-Leitlinie: Medizinische Kompressionstherapie der Extremitäten mit Medizinischem Kompressionsstrumpf (MKS); Phlebologischem Kompressionsverband (PKV) und Medizinischen Adaptiven Kompressionssystemen (MAK). Stand 12/2018.Online veröffentlich unter: https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/037-005.html (Letzter Zugriff: 20.07.2020).
5Encke A et al. S3-Leitlinie Prophylaxe der venösen Thromboembolie (VTE). Stand 10/2015. Online veröffentlicht unter: https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/003-001.html (Letzter Zugriff: 20.07.2020).
6Konkle BA. Diagnosis and management of thrombosis in pregnancy. Birth Defects Res C Embryo Today. 2015;105(3):185–189.
7Heit et al. Trends in the incidence of venous thromboembolism during pregnancy and postpartum: a 30-year population-based study. Ann Intern Med. 2005;143(10):697–706.
8Lindqvist P et al. Thrombotic risk during pregnancy. A population study. Obstet Gynecol 1999;94(4):595–599.
9Sultan AA et al. Risk factors for first venous thromboembolism around pregnancy. A population-based cohort study from the United Kingdom. Blood 2013;121(19):3953–3961.
10Schäfer-Graf U, Schmidt M. S3-Leitlinie: Adipositas und Schwangerschaft. Stand 10/2019. Online veröffentlicht unter: https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/015-081.html (Letzter Zugriff: 20.07.2020).
11Virkus RA et al. Risk factors for venous thromboembolism in 1.3 million pregnancies. A nationwide prospective cohort. PloS One 2014;9(5):e96495.
12Blondon M et al. Pre-pregnancy BMI, delivery BMI, gestational weight gain and the risk of postpartum venous thrombosis. Thromb Res. 2016;145:151–156.
13Kurze I et al. S2k-Leitlinie: Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett bei Frauen mit Querschnittlähmung. Stand 09/2018. Online veröffentlicht unter: https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/179-002.html (Letzter Zugriff: 20.07.2020).
14Büchtemann AS et al. The effect of compression therapy on venous haemodynamics in pregnant women. Br J Obstet Gynaecol 1999;106(6):563–569.
15Saliba Júnior OA et al. Graduated compression stockings effects on chronic venous disease signs and symptoms during pregnancy. Phlebology 2020;35(1):46–55.
16Austrell C et al. Maternal and Fetal Haemodynamics during late pregnancy: Compression hosiery treatment. Phlebology 1993;8:155֪–157.