Medizinisch-wissenschaftliche Informationen zur Thrombose

Prophylaxe und Therapie der Venenthrombose mit Kompressionstherapie

Medizinisch-wissenschaftliche Informationen zur Thrombose

Kompressionstherapie zur Thromboseprophylaxe und -behandlung

Die Kompressionstherapie kann zur Vorbeugung von Venenthrombosen sowie in allen Phasen der Behandlung einer Venenthrombose eingesetzt werden. 

Kompression zur Thromboseprophylaxe

Von einer effektiven Thromboseprophylaxe profitieren neben hospitalisierten immobilen oder teilmobilen Patienten:innen auch mobile Patienten:innen sowie gesunde Personen. Beispielsweise kann durch Kompression der Entstehung einer Reisethrombose oder einer Thrombose in der Schwangerschaft vorgebeugt werden.

Kompression zur Behandlung von Venenthrombosen

Neben der Thromboseprophylaxe ist die Kompressionstherapie auch zur Behandlung von Venenthrombosen angezeigt – unabhängig davon, ob diese als oberflächliche Venenthrombosen (OVT) oder als tiefe Venenthrombosen (TVT) auftreten.

Der sofortige Einsatz medizinischer Kompressionsstrümpfe (MKS) unmittelbar nach Diagnose einer TVT (Akutphase) führt in Kombination mit Bewegung zu einer schnelleren Ödem- und Schmerzreduktion. Zudem beugt der MKS in der Erhaltungsphase nach TVT der Entstehung eines postthrombotischen Syndroms (PTS) vor.1

Nähere Informationen – unter anderem zu den Anwendungsgebieten von Kompression und Leitlinienempfehlungen – finden Sie unter den jeweiligen Reitern.

Anwendungsgebiete der Kompression

Ätiologie der Thrombose

Ursächlich für die Entstehung einer Thrombose sind drei Faktoren. Diese bilden die Eckpunkte der Virchow'schen Trias:

  • Veränderung der Gefäßwände
  • Hyperkoagulabilität
  • Strömungsverlangsamung des Blutflusses (Stase, Hypozirkulation, Abbildung 1A)

Die Kompressionstherapie als physikalische Maßnahme wirkt sowohl bei der Thromboseprophylaxe als auch bei der Behandlung einer Thrombose auf den Kreislauf-Faktor ein, indem sie die Blutzirkulation positiv unterstützt. Damit beugt sie der Entstehung eines Thrombus‘ vor oder trägt nach der Entstehung einer Thrombose zu einer schnelleren Rückbildung der Thrombusmasse bei.

Venöse Thrombosen können sich sowohl im oberflächlichen Venensystem bilden (oberflächliche Venenthrombose, OVT) oder tieferliegende Venen betreffen (tiefe Venenthrombose, TVT). Die jährliche Inzidenz einer OVT beläuft sich auf 0,64 Prozent2. Die Inzidenz einer symptomatischen tiefen Venenthrombose in der Allgemeinbevölkerung liegt je nach Definition, Alters- und Geschlechtsverteilung, ethnischer Zugehörigkeit und Risikofaktoren im Mittel bei 0,1 Prozent.3

Meist treten Thrombosen in den unteren Extremitäten auf, aber auch Armvenenthrombosen sind möglich.

Thromboseprophylaxe bei hospitalisierten Patient:innen

Die Inzidenz einer tiefen Venenthrombose bei hospitalisierten Personen liegt im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung deutlich höher. Je nach medizinischem Fachbereich variieren die Risikohäufigkeiten zwischen 10 und 80 Prozent.3 Daher ist der Einsatz von medizinischen Thromboseprophylaxestrümpfen (MTPS) bei hospitalisierten immobilen und teilmobilen Patient:innen notwendig und sinnvoll (Abb. 1B, I).

Dass MTPS wirksam sind, wurde in mehreren klinischen Studien belegt. Sachdeva et al. fassten die Ergebnisse von 20 randomisierten, kontrollierten klinischen Studien in einem aktuellen Cochrane-Review zusammen. Es zeigte sich, dass MTPS das Auftreten einer tiefen Venenthrombose signifikant verringern. Zudem war das Risiko einer lebensbedrohlichen Lungenembolie signifikant reduziert.4

Die vollständige Cochrane-Übersichtsarbeit zur Bedeutung von MTPS in der Thromboseprophylaxe finden Sie hier.

Eine kurze und informative Zusammenfassung des Cochrane-Reviews gibt Ihnen das Scientific Summary „Prävention TVT“ zur Prävention der TVT unter dem Reiter Scientific Summaries.

Auch für mobile Patienten ist eine Kompressionstherapie mit medizinischen Kompressionsstrümpfen zur Thromboseprophylaxe angezeigt (Abb. 1B, I).1

Thromboseprophylaxe bei gesunden Personen

Nicht nur bei hospitalisierten Patient:innen mit bereits bestehenden Venenerkrankungen ist eine Thromboseprophylaxe sinnvoll. Auch venengesunde Personen können von einer Kompressionstherapie profitieren.

  • Es konnte in klinischen Studien gezeigt werden, dass das Tragen von Reisestrümpfen einer TVT bei Flugreisen effektiv vorbeugen kann.5,6
  • Auch während einer Schwangerschaft und bis zu sechs Wochen nach der Entbindung ist das Thromboserisiko deutlich erhöht. Hier weist Mendoza darauf hin, dass die Anwendung medizinischer Kompressionsstrümpfe (MKS) während und nach der Schwangerschaft zur Thromboseprophylaxe geeignet ist (Abb. 1B, I).7

Den vollständigen Artikel zur Anwendung von Kompression in der Schwangerschaft finden Sie hier.

Therapie einer Thrombose in der Akutphase

Unmittelbar nach der Diagnosestellung einer OVT oder einer TVT sollte – zusätzlich zur medikamentösen Antikoagulation – mit der physikalischen Thrombosetherapie in Form von Kompression begonnen werden.

  • Durch den Einsatz der Kompressionstherapie in der Aktuphase kommt es in Kombination mit Mobilisierung zu einer schnelleren Rückbildung der Thrombusmasse und dadurch zu einer Ödem- und Schmerzreduktion für den Betroffenen.1,8
  • Außerdem zeigten Arpaia et al., dass der sofortige Einsatz von Kompression zu einer signifikant schnelleren Rekanalisation des Thrombus führt (Abb. 1B, II).9
  • Zusätzlich wird durch die Kompression der Entstehung einer Lungenembolie vorgebeugt, die eine ernstzunehmende Komplikation einer TVT darstellt.4

Erhaltungsphase nach Thrombose

Die Anwendung medizinischer Kompression ist auch in der Erhaltungsphase der Thrombose-Therapie neben der medikamentösen Behandlung angezeigt (Abb. 1B, II).

Nach einer OVT sollte die Kompressionstherapie in der Regel bis zu drei Monate nach dem thromboembolischen Ereignis angewendet werden.10

Im Falle einer TVT ist eine kompressive Langzeittherapie von bis zu sechs Monate notwendig.1 Die in einem Intervall von sechs bis zwölf Monaten nach Auftreten der TVT durchgeführten Kontrolluntersuchungen entscheiden über den weiteren Verlauf der Kompressionstherapie.10

Prävention und Therapie des postthrombotischen Syndroms (PTS)

Amin et al. zeigten in der Substudie zur IDEAL-Studie, dass der Einsatz von MKS unmittelbar nach der Diagnose einer TVT der Entstehung einer residualen Venenokklusion und somit einem postthrombotischen Syndrom (PTS) vorbeugt.11 In weiteren Studien konnte die Halbierung des PTS-Risikos nach zwei Jahren MKS-Therapie gezeigt werden.12,13 Nach dem Auftreten eines PTS führt der Einsatz von medizinischer Kompression zu einer Besserung von Beschwerden und Hautveränderungen einschließlich des Ulcus cruris venosum. (Abb. 1B, III)1
Nähere Informationen zur Prophylaxe und Therapie des PTS finden Sie im Bereich Medizin und Wissenschaft unter der Indikation „Postthrombotisches Syndrom“.

Erfahren Sie mehr zu den Leitlinienempfehlungen rund um das Thema Thromboseprophylaxe und -therapie unter dem Reiter Leitlinien.

Leitlinien

S3-Leitlinie zur Prophylaxe der venösen Thromboembolie³

In der S3-Leiltinie zur Prophylaxe der venösen Thromboembolie wird dem Einsatz der Kompressionstherapie eine große Bedeutung zugeschrieben. Sie empfiehlt bei hospitalisierten Patient:innen mit niedrigem Thromboserisiko neben einer Basistherapie aus Frühmobilisation- und Bewegungstherapie auch eine physikalische Behandlung mit medizinischen Thromboseprophylaxestrümpfen (MTPS). Bei Personen mit mittlerem und hohen Thromboserisiko ist die Behandlung mit MTPS zusätzlich zur medikamentösen Antikoagulation angezeigt.  

S2k-Leitlinie zu Venenthrombose und Lungenembolie10

Die S2k-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der Venenthrombose und Lungenembolie empfiehlt den Einsatz von Kompression zur Beschwerdelinderung bei oberflächlichen Venenthrombosen (OVT) über einen Zeitraum von bis zu drei Monaten.

Für tiefe Venenthrombosen (TVT) ist eine Behandlungsdauer von sechs Monaten angezeigt. Der weitere Verlauf der Kompressionsbehandlung richtet sich nach den Ergebnissen der in Zeitintervallen von sechs bis zwölf Monaten empfohlenen Kontrolluntersuchungen. Die medizinische Kompressionstherapie sollte zudem eingesetzt werden, um die Häufigkeit und Schwere eines postthrombotischen Syndroms (PTS) zu reduzieren.

S2k-Leitlinie zur medizinischen Kompressionstherapie1

Die S2k-Leitlinie „Medizinische Kompressionstherapie der Extremitäten mit Medizinischem Kompressionsstrumpf (MKS), Phlebologischem Kompressionsverband (PKV) und Medizinischen Adaptiven Kompressionssystemen (MAK)“ empfiehlt den Einsatz der medizinischen Kompressionstherapie unter anderem bei den folgenden Einzelindikationen thromboembolischer Venenkrankheiten mit dem höchsten Empfehlungsgrad „soll“:

  • oberflächliche Venenthrombose
  • tiefe Beinvenenthrombose
  • Armvenenthrombose
  • Zustand nach Thrombose
  • postthrombotisches Syndrom
  • Thromboseprophylaxe bei mobilen Patient:innen

Unmittelbar nach der Diagnosestellung einer TVT soll sofort mit einer medizinischen Kompressionstherapie begonnen werden („soll“ = höchster Empfehlungsgrad). In Kombination mit Mobilisierung führt diese zu einer rascheren Schmerz- und Ödemreduktion – verglichen mit fehlender Anwendung von medizinischer Kompression.

Nach der TVT sollte die medizinische Kompressionstherapie für mindestens sechs Monate fortgesetzt werden („sollte“ = hoher Empfehlungsgrad). Eine weitere Fortsetzung und Dauer der Therapie richtet sich anschließend nach den subjektiven und objektiven Zeichen eines PTS.

Die kompletten Leitlinientexte können Sie auf der Internetseite des AWMF unter den folgenden Links herunterladen:

S2k-Leitlinie Medizinische Kompressionstherapie der Extremitäten mit MKS, PKV und MAK

S3-Leitlinie Prophylaxe der venösen Thromboembolie (VTE)

S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Venenthrombose und der Lungenembolie

Erfahren Sie mehr über den wissenschaftlichen Hintergrund zur Thromboseprophylaxe und -behandlung unter dem Reiter Anwendungsgebiete der Kompression.

Eine kurze Zusammenfassung aktueller Studienergebnisse oder Leitlinienempfehlungen finden Sie unter dem Reiter Scientific Summaries.

Scientific Summaries

Scientific Summaries – Aktuelles aus der Wissenschaft zum Einsatz von Kompression bei Thromboseprophylaxe und -therapie

Die Scientific Summaries geben Ihnen übersichtlich, kurz und kompakt einen Überblick zu

  • den aktuellen Ergebnissen aus klinischen Studien,
  • zu Leitlinienempfehlungen oder
  • sonstigen wissenschaftlichen Veröffentlichungen.

Laden Sie sich die Zusammenfassung hier herunter:

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Quellen anzeigen

Rabe E et al. S2k-Leitlinie: Medizinische Kompressionstherapie der Extremitäten mit Medizinischem Kompressionsstrumpf (MKS), Phlebologischem Kompressionsverband (PKV) und Medizinischen adaptiven Kompressionssystemen (MAK); Stand: 31.12.2018. Online veröffentlicht unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/037-005 (Letzter Zugriff 07.08.2019).

Frappe et al. Annual diagnosis rate of superficial vein thrombosis of the lower limbs: the STEPH community‐based study. J Thromb Haemost. 2014;12(6):831-838.

3 Encke A et al. S3-Leitlinie Prophylaxe der venösen Thromboembolie (VTE). AWMF-Registernummer: 003-001; Stand: 2015. Online veröffentlicht unter: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/003-001l_S3_VTE-Prophylaxe_2015-10-abgelaufen_01.pdf (Letzter Zugriff: 28.10.2019)

4 Sachdeva A et al. Graduated compression stockings for prevention of deep vein thrombosis. Cochrane Database Syst Rev 2018;11CD001484.

Hsieh HF: Graduated compression stockings as prophylaxis for flight-related venous thrombosis: systematic literature review. J Adv Nurs 2005; 51, 83-98.

Scurr JH et al. Frequency and prevention of symptomatic deep vein thrombosis in long-haul flights: a randomized trial. Lancet 2001; 357(9267): 1485-1489.

7 Mendoza E. Kompression in der Schwangerschaft lindert Beschwerden. Ars medici 2013;19:965-966.

8 Studien im Fokus: Deutsches Ärzteblatt 2018; Jg. 115, Heft 50:A 2360.

9 Arpaia G at al. Efficacy of elastic compression stockings used early or after resolution of the edema on recanalization after deep venous thrombosis: the COM.PRE Trial. Blood Coagul Fibrinolysis. 2007 Mar;18(2):131-137.

10 Hach-Wunderle V et al. S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Venenthrombose und der Lungenembolie. AWMF-Registernummer: 065-002; Stand: 2015. Online veröffentlicht unter: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/065-002l_S2k_VTE_2016-01.pdf (Letzter Zugriff: 30.10.2019).

11 Amin EE et al. Reduced incidence of vein occlusion and postthrombotic syndrome after immediate compression for deep vein thrombosis. Blood 2018;132:2298–2304.

12 Brandjes DPM et al. Randomized trial of effect of compression stockings in patients with symptomatic proximal-vein thrombosis. Lancet 1997;349(9054):759-762.

13 Prandoni P et al. Below-knee elastic compression stockings to prevent the post-thrombotic syndrome. Ann Intern Med. 2004;141(4):249-256.