Rezeptierung von Zusätzen

Mehr Tragekomfort und Therapietreue in der Ödemtherapie mit Kompressionsstrümpfen

Rezeptierung von Zusätzen  - Rezeptierung von Zusätzen

Rezeptierung von Zusätzen in der lymphologischen Versorgung mit medizinischen Kompressionstrümpfen

Jeder Mensch ist anders. Deshalb stellen auch Lip- und Lymphödenpatienten je nach Körperbau, Krankheitsbild und Lebenssituation verschiedene Anforderungen an ihre Kompressionsversorgung. Während der eine Strumpfhosen trägt, vertraut der andere vielleicht lieber auf eine geteilte Versorgung aus Strümpfen und Radlerhose. Auch medizinische Zusätze helfen dabei, die Kompressionsversorgung individuell zu gestalten und bequemer zu machen. Im Interview erklärt Dr. med. Harald Gloger, warum die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Fachhandel so wichtig ist und wie Zusätze den Alltag seiner Patienten erleichtern.

Herr Dr. Gloger, für welche Patienten bieten sich Zusätze bei medizinischen Kompressionsstrümpfen an?

„Viele Lip- oder Lymphödempatienten weisen – je nach Schweregrad der Erkrankung – ausgeprägte anatomische Besonderheiten auf. Der Zusatz Y-Einkehre ist zu empfehlen, wenn tiefe Hautfalten und Gewebsüberhänge in den Sprunggelenksbeugen auftreten. Die Einkehren entlasten diesen Bereich deutlich. Vielleicht erfordert es auch der Beruf, dass die Versorgung mit Zusätzen ‚alltagstauglich‘ gemacht wird. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn ein Patient während der Arbeit oft die Knie oder Ellenbogen anwinkelt: Dann bieten sich spezielle Funktionszonen an, die durch ein spezielles Gestrick den Druck auf Ellenbeuge und Kniekehle mindern.“ 

Warum sind Zusätze wie die Y-Einkehre und anatomische Abschlüsse, zum Beispiel eine steile Schräge, so wichtig für Patienten?

„Wer einen Kompressionsstrumpf mit den passenden Zusätzen trägt, entlastet die Gelenke und unterstützt den Erhalt ihrer Beweglichkeit. Schräge Abschlüsse verhindern das Einschnüren und bieten eine optimale anatomische Passform. Solche Zusätze bedeuten für den Patienten einfach einen besseren Tragekomfort – und das steigert die Therapietreue.“

Sind Ihre Patienten wirklich therapietreuer, wenn Sie Kompressionsstrümpfe mit individuellen Zusätzen tragen?

Passgenaue Kompressionsstrümpfe sind ein elementarer Bestandteil der Therapie. Es ist wichtig, die Zusätze nach den individuellen Bedürfnissen des Patienten auszuwählen. Wird so beispielsweise die Beweglichkeit erhalten und kann dadurch der Patient seinen Beruf gut ausüben, verbessert sich automatisch die Therapietreue. Das Ergebnis: Der Patient trägt die Strümpfe regelmäßig und gestaltet sein Leben auch mit der Erkrankung selbstbestimmt.“

Weshalb sollten Zusätze immer direkt vom Arzt mit verordnet werden?

„Um eine Kostenübernahme durch die Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) zu unterstützen. Die Kompressionstherapie ist auf den ersten Blick kostspielig, doch vor allem ist sie sinnvoll und zweckmäßig – und langfristig gesehen günstiger als die Therapie der Folgeschäden. Auch mögliche psychische Folgeerkrankungen bedeuten eine starke Belastung für den Patienten und finanziell gesehen auch für die GKV.“

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Wie gehen Sie vor, falls Ihr Patient eine zusätzliche Indikation aufweist, zum Beispiel einen Hallux valgus? Nutzen Sie dann den ICD-10-Code der Zusatzerkrankung, um den lymphologischen Zusatz „Hallux-Entlastungszone“ zu verordnen?

„Die GKV kann die Kostenübernahme für Zusätze ablehnen, wenn die medizinische Begründung fehlt. Ich nutze die ICD-10-Codierung. Sie ist einfacher auf dem Rezept zu vermerken als eine wortreiche Begründung, wie sie bei speziellen Anforderungen an die Kompressionsbestrumpfung – beispielsweise bei erhöhter Arbeitsbelastung durch kniende Tätigkeiten – nötig ist.“

Was passiert, wenn der behandelnde Arzt keine Zusätze verordnet, das zuständige Sanitätshaus aber diese aufgrund der Anatomie und Bedürfnisse des Patienten empfiehlt?

„Wenn der Patient diese Kosten nicht selbst übernimmt und deshalb auf die Zusätze verzichtet, leidet die Passform des Strumpfes erheblich. Das wiederum beeinträchtigt seine Funktion und damit Therapietreue und -erfolg. Außerdem können Strümpfe, die nicht optimal passen, einschneiden und zusätzlich Stau im Gewebe verursachen.“

Wie wäre der ideale Ablauf zwischen Ihnen und dem Sanitätshaus?

„Der erste Pfeiler für eine optimale Zusammenarbeit ist eine aufwendige Untersuchung des Patienten – mit Anamneseerhebung und Dokumentation seitens eines erfahrenen Arztes. Aufgrund der ärztlichen Krankheitsbeurteilung, der Diagnosestellung und der geeigneten Therapieeinleitung fällt es dem Sanitätshaus leichter, medizinische Besonderheiten zu verstehen. Der zweite Pfeiler sind das handwerkliche Geschick und die fachliche Expertise des Mitarbeiters im Fachhandel: Er nimmt korrekt Maß und erkennt Problemstellen. Wenn sich beide Bereiche austauschen und gegenseitig Empfehlungen geben, kann eine optimale Versorgung rezeptiert werden. Das setzt auf beiden Seiten Vertrauen voraus.“ 

Nutzen Sie besondere Arbeitsmittel wie Beiblätter zur Verordnung von Zusätzen?

„Ich nutze gerne die mir zur Verfügung gestellten übersichtlichen Beiblätter. Denn auf dem kleinen Rezeptformular finden kaum alle notwendigen Zusätze Platz. Auch die in den Broschüren abgedruckten Übersichten und Zusatzinformationen zu Zusätzen und deren genaue Beschreibung helfen mir im Praxisalltag sehr.“

Empfehlen Sie, eine Begründung für den Zusatz auf dem Rezept oder in der Patientenakte zu dokumentieren?

„Ja, so zeige ich der zuständigen Krankenkasse, warum der Zusatz notwendig ist. Damit minimiere ich potenzielle Rückfragen oder gar eine Ablehnung. Sollten doch Rückfragen vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) kommen, hilft es, dass die Begründung für die benötigten Zusätze schon in der Patientenakte vermerkt ist. Damit können wir dem MDK zeitnah antworten.“

Welche Hinweise haben Sie allgemein zur Verordnung?

„Wichtig ist eine ausführliche Hauptdiagnose samt relevanter Nebendiagnosen. Die Erfordernisse von Begleiterkrankungen müssen bei der optimalen Kompressionsbestrumpfung berücksichtigt werden. Um MDK-Anfragen gering zu halten, gebe ich dem Patienten außerdem einen Arztbrief oder ein Gutachten mit. Beides reicht er zusammen mit dem Rezept ein. Denn im Gegensatz zum Arzt darf der Patient der Krankenkasse patientenrelevante Befunde zukommen lassen.“

Herr Dr. Gloger, vielen Dank für das Gespräch.

Über Dr. med. Harald Gloger

Dr. med. Harald Gloger studierte Medizin in Würzburg und arbeitet nach Stationen im dortigen Universitätsklinikum sowie in der Klinik Kitzinger Land seit 2012 in seiner eigenen Praxis in Ochsenfurt. Zu seinen Fachgebieten gehört neben der Handchirurgie und Proktologie auch die Lymphologie. 

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