Wie psychologische Betreuung die Therapie von Lip- und Lymphödem-Patient:innen unterstützen kann - der Einfluss mentaler Stärke
Die Diagnosen Lymphödem oder Lipödem verändern das Leben der Betroffenen nicht nur auf physische Weise. Die chronischen Krankheiten stellen für die Patient:innen auch eine große psychische Herausforderung dar. Zuspruch und Unterstützung, gerade aus dem sozialen Umfeld, sind dabei von großer Bedeutung. Fehlt diese Hilfe, gibt es verschiedene Möglichkeiten, professionellen Beistand zu bekommen. Marianna Dutton kennt die Sorgen und Ängste von Lymph- und Lipödem-Patient:innen. Sie ist die leitende psychologische Therapeutin an der Földiklinik, einer Fachklinik für Lymphologie, in Baden-Württemberg. Das Interview macht deutlich: Die psychologische Betreuung der Patient:innen wird immer wichtiger.
Frau Dutton, was sind die häufigsten Themen, mit denen sich Ihre Patient:innen an Sie wenden?
"Betroffene fühlen sich von ihrer Umwelt nicht verstanden. Für einige ist es schwer zu akzeptieren, dass sich eine chronische Erkrankung erheblich auf ihren Alltag auswirkt. Das kann zu Ängsten und Vertrauensverlust in den eigenen Körper führen. Primäre Lymphödem-Patient:innen haben oft Probleme mit dem Schamgefühl oder leiden an Depressionen, Adipositas und Essstörungen.
Sekundäre Lymphödem-Patient:innen sind häufig Tumorpatienten. Wir wissen aus der Forschung, dass etwa ein Drittel aller von Krebs Betroffenen psychische Probleme hat. Auch Schlafstörungen gehören zu den Symptomen. Für Krebspatient:innen ist die Sichtbarkeit des Ödems besonders belastend, weil es sie ständig an ihre Erkrankung erinnert."
Wie viele Patient:innen betreuen Sie pro Jahr?
"Wir sind drei Kolleg:innen und betreuen jeweils zwischen 250 und 300 Patient:innen pro Jahr."
Wie lange ist eine psychologische Behandlung in der Regel nötig?
"Die Patient:innen bleiben meistens drei bis vier Wochen bei uns in der Klinik und nehmen währenddessen an etwa drei bis acht Sitzungen teil. Eine Sitzung dauert 50 Minuten und findet ein- bis zweimal pro Woche statt."
Wie hoch ist die Hemmschwelle bei Patient:innen, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen?
"Bei unseren Patient:innen gibt es diese Hemmschwelle selten. Sie haben sich bereits für eine Therapie entschieden und sind teilweise auch auf der Warteliste. Das Bewusstsein für den Therapiebedarf von Lip- und Lymphödem-Patient:innen ist gewachsen. Wir haben heute dreimal so viele Patient:innen wie noch vor 15 Jahren."
Wie sehen die Ergebnisse und Erfolge der psychologischen Betreuung aus?
"Die Depressions- und Angstwerte verbessern sich deutlich und die Patient:innen gehen zufriedener nach Hause. Das Selbstwertgefühl ist erhöht, sie können besser mit Stress umgehen, achten mehr auf die eigenen Bedürfnisse und nehmen ihren Körper positiver an. Leider gibt es zu wenige niedergelassene Psychotherapeut:innen oder Psycho-Onkolog:innen. Eine Anschlussbehandlung ist deshalb nicht immer gegeben."
Was können Patient:innen bei psychologischen Problemen selbst tun?
"Zuerst sollten sie sich bei ihrer Ärzt:in, einer Beratungsstelle oder auch im Internet darüber informieren, ob es für ihre individuelle Situation sinnvoll ist, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, etwa bei einer klinischen Depression. Eventuell ist auch eine Selbsthilfegruppe ausreichend. Psychologische Ratgeber sind ebenfalls empfehlenswert.
Wichtig ist, dass sich die Patient:innen nicht mit ihren Problemen alleine gelassen fühlen. Dagegen helfen Gruppenaktivitäten wie Walking, Schwimmen, Tanzen, Yoga oder Stressreduktionskurse. Sie sollten lernen, ihren Körper liebevoll anzunehmen, anstatt sich immer unter Druck zu setzen. Nicht allein das Ausmaß des Ödems entscheidet über die Lebensqualität, sondern vor allem das subjektive Gefühl. Wir sind immer sehr großzügig mit anderen Menschen, aber bei unserem eigenen Körper sagen wir dann: „Ich sehe furchtbar aus, mein Arm oder mein Bein ist viel zu dick.“ Dabei ist es falsch, sich nur auf einen Teil des Körpers zu reduzieren."
Wie sollte man grundsätzlich mit Patient:innen umgehen, die depressiv, enttäuscht oder unmotiviert sind?
"Therapeut:innen entwickeln eine enge Beziehung zu ihren Patient:innen, die sie regelmäßig über mehrere Jahre betreuen. Zunächst ist der Kontakt zur jeweiligen Person wichtig, sodass sie sich verstanden und wertgeschätzt fühlt. Therapeut:innen sollten versuchen, die Krankheit aus Sicht der Patient:innen zu sehen, ohne ihn mit Ratschlägen zu überschütten. Denn hinter fast jedem Compliance-Problem steht Angst. Wenn ich das verstehe, kann ich Betroffene zum Handeln motivieren. Sind Patient:innen wütend oder genervt, brauchen sie genügend Raum, um sich zu beruhigen. Wir können Patient:innen auch fragen: 'Was würden Sie als Therapeut:in eines:r Lymphödem-Patient:in raten?' So bekommt man schnell einen guten Zugang zu den Patient:innen."
Frau Dutton, vielen Dank für das Gespräch.
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