Interview Dr. Stefan Wilke

Der Bewegungsmangel ist wahrscheinlich das größte Problem

Stefan Wilke im Interview zu Kinderorthopädie

Was sind die Besonderheiten in der Kinderorthopädie?

Was gilt es zu beachten und welche Rolle spielt der medizinische Fachhandel bei der Versorgung von Kindern? Der Berliner Kinderorthopäde Dr. Stefan Wilke (Facharzt für Orthopädie, Unfallchirurgie und Kinderorthopädie) gibt Auskunft.

Welches sind die häufigsten orthopädischen Verletzungen bei Kindern?

Verschiedene Studien kommen zu dem Ergebnis, dass etwa 50 Prozent aller Kinder und Jugendlichen mindestens einmal einen Knochenbruch erleiden. Diese Verletzungen betreffen häufiger die obere als die untere Extremität und hier häufiger die Unterarme, gefolgt von Oberarm und Schlüsselbein. Die Art der Fraktur wird dabei maßgeblich vom Reifegrad der Wachstumsfuge bestimmt. Aber auch Bandverletzungen des Sprunggelenks und des Kniegelenks, und hier vor allem des vorderen Kreuzbandes, sind nicht selten.

Was unterscheidet die Kinderorthopädie von der Orthopädie für Erwachsene?

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Die Kinderorthopädie ist ein eigenständiges Gebiet und befasst sich mit der Erkennung, der Verhütung und der Behandlung von angeborenen und erworbenen Erkrankungen des Haltungs- und Bewegungsapparates während des Wachstums. Die Erkrankungen unterscheiden sich dabei ganz wesentlich von denen im Erwachsenenalter. Wichtig ist die genaue Kenntnis der normalen („physiologischen“) Entwicklung des kindlichen Stütz- und Bewegungsapparates. Sie ist die Voraussetzung für die Erkennung und die Einschätzung eines krankhaften Befundes und dessen Folgen. Zielsetzung der Behandlung ist es, die aktuellen Beschwerden zu beseitigen und vor allem Spätschäden im Erwachsenenalter zu vermeiden.

Beobachten Sie eine bestimmte Entwicklung hinsichtlich der Erkrankungen bei Kindern?

Der Bewegungsmangel ist wahrscheinlich das größte Problem. Glaubt man verschiedenen Studien, so waren 1985 noch 16 Prozent der Schüler entsprechend dem Auswahltest Sportförderungsunterricht förderbedürftig, 1995 waren es schon 47 Prozent, was unter Umständen als Folge zunehmenden Bewegungsmangels zu interpretieren ist (Rusch und Irrgang 1999). In der orthopädischen Praxis führt dies zu einem Anstieg von Krankheitsbildern, die man eigentlich mehr aus dem Gebiet der Erwachsenenorthopädie kennt. So nimmt die Zahl der Kinder mit Rückenschmerzen deutlich zu.

Wie sieht die frühzeitige Versorgung von Kindern aus?

Die frühzeitige Versorgung ist in erster Linie abhängig von der frühzeitigen Diagnosestellung und dem regelgerechten Therapiebeginn. Sie richtet sich dabei nach der Diagnose und dem Behandlungszeitpunkt.

Was können orthopädische Hilfsmittel in der Kinderorthopädie leisten?

Nach einer Schätzung von Prof. Dr. med. Fritz Hefti ist in 70 Prozent aller kinderorthopädischen Konsultationen lediglich eine Beratung notwendig, „dass das Kind gerade genug ist“. In etwa 30 Prozent der Fälle muss konservativ behandelt werden, etwa mit Einlagen, Orthesen, Korsetten, Physiotherapie oder Gips. Bei richtiger Indikation gezielt eingesetzt, kann die Symbiose aus Physiotherapie und orthopädischem Hilfsmittel der Grundbaustein einer erfolgreichen konservativen Therapie sein.

Wie sehen Sie die Rolle des Sanitätsfachhandels im Bereich der Kinderorthopädie?

Ihnen kommt eine Schlüsselposition in der Versorgungskette zu. Durch die Kenntnis über die für den kinderorthopädischen Bereich vorhandenen Hilfsmittel wie Bandagen, Orthesen und Einlagen sind sie einerseits als Berater gefragt, andererseits ist ein Hilfsmittel nur so gut wie es angepasst wird. Die Wahl der richtigen Größe und des richtigen Modells ist dabei entscheidend. Hier ist eine hohe Sach- und Fachkompetenz gefragt.

Wie können Eltern Fehlhaltungen oder Beschwerden bei ihren Kindern erkennen und was raten Sie ihnen?

Wichtig ist es, auf die Entwicklung von Fuß und Beinachsen sowie des Rückens zu achten. Dabei ist nicht jede Fehlstellung behandlungsbedürftig. Mindestens 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen haben einen Knick-Senkfuß oder flexible Plattfüße. X- und O-Beine sind Bestandteil der physiologischen Entwicklung. Die Eltern sollten bei Asymmetrien, also zum Beispiel einem einseitigen X- oder O-Bein, und bei Schmerzen aufmerksam werden. Gleiches gilt im Bereich der Wirbelsäule. Im Zweifelsfall empfiehlt sich der Besuch beim Kinderorthopäden.

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