Fehlanreize bei der Thromboseprophylaxe


Abstract

"Hamberger, B. Fehlanreize bei der Thromboseprophylaxe", Rechtsdepesche im Gesundheitswesen; Hg Prof. Dr. Volker Großkopf; Jahrgang 9 (2012), Nr. 2 Mrz/ Apr.; Köln, G&S 2012, S. 58
Erscheinungsdatum: März 2012

Immer mehr Kliniken verzichten aus Kostengründen auf den Einsatz von MTPS und verweisen auf die S3-Leitlinie. Selbst Risikogruppen werden keine Strümpfe mehr angeboten.

Dr. Colin Krüger, Viszeralchirurg bei den Berliner Vivantes Kliniken: „Wir wissen, dass das Thromboserisiko selbst bei jungen und ansonsten gesunden Patienten nach Bauch- und Knieoperationen erheblich ansteigt. In meinen Augen ist es absolut unverantwortlich, Patienten die Thromboseprophylaxestrümpfe generell vorzuenthalten.“

Etwa 15 % aller tödlichen Lungenembolien ereignen sich nach Operationen. Wer sie überlebt, hat mit teilweise dramatischen Folgen zu kämpfen: 5 % der Bevölkerung leiden unter dem postthrombotischen Syndrom. Die Betroffenen gehen acht Jahre früher in Rente, sind zwei Monate im Jahr arbeitsunfähig und in etwa 6-8 % der Fälle entwickelt sich ein Ulcus cruris. Experten schätzen die stationären und ambulanten Behandlungskosten für das Postthrombotische Syndrom auf ca. 1,6 Milliarden Euro.

Prof. Dr. Wilfried von Eiff, Gesundheitsökonom der Universität Münster, spricht hier von fatalen Fehlanreizen, die den Patienten und dem Gesundheitswesen teuer zu stehen kämen: „MTPS sind wesentlich preiswerter als die Kosten, die durch Folgebehandlungen, Krankschreibungen und Frühberentungen entstehen.“

Der Kölner Rechtsanwalt Prof. Dr. Volker Großkopf sieht den generellen Verzicht auf MTPS auch als rechtlich bedenklich an: „Wenn eine Klinik im Schadenfall nicht nachweisen kann, dass sie nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft gehandelt hat, hat sie den Schwarzen Peter.“

Gleichzeitig ziehen sich Versicherer zunehmend aus dem Gesundheitsbereich zurück, weil ihnen die Risiken zu groß und zu teuer sind. Für Krankenhäuser wird es daher immer schwieriger, bezahlbare Versicherungen zu finden und sie müssen aufpassen, dass ihre Sorgfaltspflicht nicht Sparmaßnahmen zum Opfer fällt.

Fazit

Der Verzicht auf MTPS aus Kostengründen ist aus medizinischer, gesundheitsökonomischer und juristischer Sicht bedenklich. Vor allem unter haftungsrechtlichen wie haftpflichtversicherungstechnischen Aspekten kann die vermeindliche Ersparnis rasch zu deutlich höheren Kosten der Versicherungsbeiträge führen.

Praxisbeispiel

Die Kosten für die Haftpflichtversicherung eines Krankenhauses belaufen sich nach Auskunft eines europäischen Versicherers auf ca. 600.000 – 1 Mio. Euro pro Jahr.

Die durchschnittlichen Aufwendungen eines 400 Betten-Krankenhauses für MTPS belaufen sich auf 25.000 Euro pro Jahr.

War dieser Artikel hilfreich?