Wie ernähre ich mich bei Lipödem und Lymphödem?

Gewicht reduzieren und halten

Ernährung bei Lipödem und Lymphödem

Wie Sie mit gesunder Ernährung Ihre Lip- und Lymphödem- Therapie unterstützen können

Wenn wir gesund essen, fühlen wir uns fitter, können besser schlafen und haben über den Tag verteilt mehr Energie. Und noch mehr: Vor allem Lipödem-Patientinnen sollten darauf achten, ihr Gewicht zu halten oder zu reduzieren. Sie können zur Vorbeugung einer Adipositas (Übergewicht) von einer ausgewogenen Ernährung sehr profitieren. 

Studien belegen, dass rund 50 Prozent der Patienten mit Lipödem zusätzlich mit Übergewicht zu kämpfen haben.1 In der Folge verschlechtern sich die Symptome: So kommt es oft zu vermehrten Wassereinlagerungen und psychischen Belastungen. 

Eine Diät ist nicht der richtige Ansatz. Setzen Sie auf eine bewusste, ausgewogene Ernährung oder Ernährungsumstellung, um nachhaltige Erfolge zu erzielen.

Neben den fünf Hauptsäulen der KPE (Komplexe Physikalische Entstauungstherapie: manuelle Lymphdrainage, Kompressionstherapie, Bewegung, Hautpflege Selbstmanagement) spielt die richtige Ernährung eine sehr wichtige Säule, um den Therapieerfolg zu unterstützen

Ich habe ein Lipödem – kann ich abnehmen, wenn ich meine Ernährung umstelle?

Wenn Sie Ihre Ernährung umstellen und körperlich aktiv werden, können Sie zwar Übergewicht vorbeugen oder reduzieren. Doch auf die durch die Erkrankung bedingte Fettgewebsvermehrung an den Extremitäten können Sie kaum Einfluss nehmen. Dennoch ist eine angepasste Ernährung sinnvoll, denn: Sie können Folgeerkrankungen vermeiden, die im Zusammenhang mit Übergewicht stehen. 

Eine dieser Erkrankungen ist beispielsweise die Zuckerkrankheit (auch Diabetes Mellitus Typ II genannt): Bei einer Zuckererkrankung wird die Lipogenese (also die Speicherung von Fett in Depots) angekurbelt.

Lip- und Lymphödem-Beschwerden durch eine gesunde und ausgewogene Ernährung reduzieren

Patienten können ihre Beschwerden und Schmerzen mit einer langfristigen Ernährungsumstellung um bis zu 80 Prozent reduzieren. Dies zeigte eine Studie am Zentrum für Gefäßmedizin in Hamburg mit adipösen Lip-und Lymphödem-Patientinnen. Außerdem waren weniger Behandlungen nötig.2

Gesunder Genuss: Tipps für eine gesunde und ausgewogene Ernährung

Gesundes und abwechslungsreiches Essen sowie ausreichend Flüssigkeit können die positiven Effekte einer Therapie unterstützen und möglichen Folgeerkrankungen entgegenwirken.

  • Obst und Gemüse: Viel buntes und frisches Obst sowie Gemüse versorgen Sie mit allen wichtigen Stoffen, die Ihr Körper braucht. Wir empfehlen zwei Portionen Obst und drei Portionen Gemüse pro Tag. Bei Gemüse dürfen es auch mehr Portionen sein, weil es im Gegensatz zu Obst den Blutzuckerspiegel nicht beeinflusst. Das bedeutet, dass Sie länger satt bleiben. Nutzen Sie das Ampelprinzip für Vielfalt auf dem Teller: gönnen Sie sich grünes, gelbes und rotes Obst und Gemüse.

  • Gesundes Fett: Fett ist nicht per se schlecht. Leinöl, Samen, Avocados oder Nüsse sind für den Körper sehr wichtig. Fette in Backwaren, Margarine oder Sonnenblumenöl sollten Sie reduzieren. 

  • Fleisch, Wurst und Käse: Reduzieren Sie den Konsum von Fleisch-, Wurst- und Käsewaren.

  • Weniger Salz: Ernähren Sie sich kochsalzarm, denn Salz bindet Wasser im Gewebe.

  • Pausen zwischen den Mahlzeiten: Bei einer Mahlzeit wird viel Energie aufgenommen, die der Körper nicht sofort verbraucht. Diese überschüssige Energie wird daher im Körper in Form von Fett oder Glykogen, also einem Kohlenhydrat gespeichert. Davon zehrt der Körper zwischen den Mahlzeiten. Ist die Zeit zwischen den Mahlzeiten zu kurz, nehmen Sie mehr Energie auf als Sie brauchen. Diese wird dann als Fettpölsterchen gespeichert. 
  • Blutzuckerspiegel: Vermeiden Sie Lebensmittel, die den Blutzucker schnell in die Höhe treiben: Dazu gehören Fertigprodukte, Marmelade, Limonaden, Süßigkeiten, Lebensmittel aus Weißmehl, wie Baguette, Brötchen, Toast, Kekse und vieles mehr. 

  • Trinken Sie genug: am besten mindestens zwei Liter, beispielsweise Wasser oder ungesüßten Tee. Vermeiden Sie zuckerhaltige Softdrinks und Säfte. Sie enthalten unnötige Kalorien. Und bitte verzichten Sie auf Alkohol. 

  • Bewegen Sie sich: Auch Bewegung hilft, sich im eigenen Körper wohlzufühlen und Stress abzubauen. Ein Spaziergang an der frischen Luft eignet sich besonders gut, um den Kopf frei zu bekommen.

Abnehmen mit Lipödem dank ketogener proteinoptimierter Ernährung

„Lipödem-Patientinnen müssen ihr Leben selbst in die Hand nehmen.“

Das Gerücht hält sich hartnäckig: Patientinnen mit Lipödem können sich jegliche Abnehmversuche sparen. Dr. Gabriele Faerber beweist das Gegenteil und erzielt mit ihrem ketogenen proteinoptimierten Ernährungsprogramm messbare Erfolge in der Therapie von Lipödemen. Sie leitet die Abteilung für ambulantes Gewichtsmanagement und AdipositasTherapie am Zentrum für Gefäßmedizin Hamburg. Neben der richtigen Ernährung vermittelt sie ihren Patientinnen dort vor allem: Ihr habt euer Leben selbst in der Hand. 

Im Interview mit medi gibt Dr. Faerber wertvolle Tipps rund ums Abnehmen mit Lipödem.

Lesen Sie hier das ganze Interview mit Dr. Gabriele Faerber

Frau Dr. Faerber, gibt es auch schlanke Lipödem-Patientinnen?

„Unter einem Lipödem versteht man eine Fettverteilungsstörung mit einer Veranlagung zur Disproportion. Nicht immer sind Lipödem-Patientinnen übergewichtig, es gibt auch Patientinnen mit Kleidergröße 38, die ein verdicktes Fettgewebe unter der Haut zeigen. Eine Disproportion ist auch nicht immer ein Hinweis auf ein Lipödem. Treten keine zusätzlichen Beschwerden auf, handelt es sich um eine Lipohypertrophie: eine Fettgewebsvermehrung an den Extremitäten. Das wichtigste Kriterium für die Diagnose Lipödem ist der Berührungs- und Druckschmerz.“

Verschwindet diese Berührungssensibilität nach einer Liposuktion oder Gewichtsabnahme?

„Auf einer Skala von 1 bis 10 geben meine Patienten in der Regel eine Linderung der Schmerzen von 6,5 auf 2,5 an. Nach vier Jahren lag der Wert noch bei 3. Sowohl eine Ernährungsumstellung als auch die Liposuktion können Schmerzen und das Schweregefühl reduzieren. Wie stark dies ausfällt, ist nicht vorherzusagen.“

Gibt es auch Frauen mit dicken Beinen, die kein Lipödem haben?

„Einige Menschen haben dickere Nasen, andere dickere Beine. Wenn ansonsten keine Beschwerden vorliegen, ist es schlicht eine anatomische Variante. In manchen Kulturen gelten kräftige Oberschenkel als attraktiv – allerdings nicht bei uns. Das ist besonders für junge Mädchen schwierig. Extremer Sport und Hungerkuren funktionieren bei der Lipohypertrophie aber genauso wenig wie beim Lipödem. Das frustriert und dann sagen sie sich: ‚Meine Beine bleiben dick, dann kann ich auch essen, was ich will.‘“

Warum ist es so wichtig, Übergewicht zu reduzieren?

„Übergewicht und damit einhergehende Stoffwechselveränderungen verschlimmern jedes Ödem. Auch Lipödem-Patienten können abnehmen. Die Beine werden nach der Gewichtsreduktion immer noch anders aussehen als der Oberkörper, doch die Beschwerden sind geringer.“

Warum fällt es vielen Menschen schwer, abzunehmen?

„Meiner Meinung nach ist der größte Risikofaktor für Übergewicht die ständige Verfügbarkeit von Essen. Würden wir nur dreimal am Tag essen – ohne Latte macchiato oder Keks zwischendurch – wäre Übergewicht kaum ein Thema. Verantwortlich für diese Fehlentwicklung sind auch einige Fachgesellschaften, die fünf Mahlzeiten am Tag emfehlen. Die Leute essen dann aber statt fünf ausgewogener Mahlzeiten vor allem Brot und Süßigkeiten.“

Warum macht falsche Ernährung krank?

„Esse ich immer wieder etwas, das ständig den Blutzuckerspiegel nach oben treibt, also vor allem Kohlenhydrate, schadet mir das. Insulin kann grundsätzlich entzündungsfördernd sein. Deshalb bedingt eine ungesunde Ernährung Gefäßerkrankungen oder Bluthochdruck. Beim Lipödem kommt erschwerend hinzu, dass Insulin die Aromatase aktiviert: ein Enzym, das im Fettgewebe die Umwandlung von Testosteron in Östradiol bewirkt. Habe ich also viel Fettgewebe und produziere ich aufgrund meines Essverhaltens viel Insulin, erzeuge ich ein Ungleichgewicht im Hormonhaushalt.“

Weshalb ist die ketogene proteinoptimierte Ernährung so gut für Lipödem-Patienten geeignet?

„Sie mindert die Insulinproduktion. Die Balance aus Gemüse und guten Proteinen wirkt sich positiv auf die Darmflora aus. Statt wichtiger Magermasse nehme ich überschüssiges Fett ab. Der Körper braucht Eiweiß für Reparatur- und Aufbauvorgänge. Eine mangelhafte Proteinzufuhr durch Hungern sorgt für Muskelabbau, was wiederum den Grundumsatz senkt. Esse ich danach wieder ‚normal‘, setzt der berühmte Jo-Jo-Effekt ein und ich nehme mehr zu, als ich durch das Hungern abnehme. Das hat die Natur klug eingerichtet, weil so gesichert ist, dass wir nach einer Hungersnot schnell wieder an Gewicht zulegen. Heute sorgen Crash-Diäten für diesen Effekt.“

Was passiert bei der Ketose im Körper?

„Ketose ist eine Stoffwechselform, in die wir kommen, wenn wir unter einer gewissen Kohlenhydratzufuhr bleiben. Wenn die Kohlenhydratvorräte in Form von Glykogen aufgebraucht sind, muss der Körper selbst Glukose für das Gehirn herstellen. Beim Fasten nutzt er dafür Aminosäuren aus der Muskulatur, bei der ketogenen proteinoptimierten Ernährung aus den Nahrungsproteinen. So wird der Muskelabbau vermieden. Wenn dann die allmähliche Umstellung auf Fettsäurenoxidation, im Volksmund Fettverbrennung genannt, erfolgt, entstehen Ketone oder Ketonkörper. Die Organe und das Gehirn können diese zur Energiegewinnung nutzen. Die Ketone wirken sättigend und leicht stimmungsaufhellend. Die Beschwerden können schon nach wenigen Tagen zurückgehen, die Beine fühlen sich leichter an – ohne Hungern.“

Heißt das, Ihre Patienten verzichten auf Fett?

„Wir brauchen Fette, also betreiben wir statt Fettvermeidung eine Fettmodifikation. Erlaubt sind: essenzielle Fettsäuren, Omega-3-Fettsäuren, Oliven-, Raps-, Lein- oder Fischöl und auch gute Butter vom Weiderind. Die Menge entscheidet. Strebe ich eine negative Energiebilanz an, gehört Schlagsahne nicht auf meinen Speiseplan. Aber zu Salat passt gutes Öl.“

Wie sieht ein ketogener Speiseplan aus?

„Die Ketose tritt nur ein, wenn die tägliche Kohlenhydratzufuhr unterhalb eines bestimmten Schwellenwertes liegt. Im Durchschnitt sind das 50 Gramm am Tag. Die Patienten sollen zweimal täglich zwei große Hände voll Gemüse essen. Dazu gibt es Fisch, Fleisch, Eier und Milchprodukte wie Quark, Skyr oder Hüttenkäse. Die notwendige Eiweißmenge ergibt sich aus circa 1,2 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Normalgewicht. Eine Eiweißportion entspricht der Größe und Dicke der eigenen Handfläche.“

Ist diese Ernährungsform für Vegetarier oder Veganer geeignet?

„Theoretisch ja: Vegetarier ersetzen Fleisch und Fisch einfach durch Tofu, Käse, Quark und Eier. Doch Hülsenfrüchte enthalten zwar Proteine, aber auch viele Kohlenhydrate und passen deshalb nicht in die ketogene Ernährung. Für Veganer ist diese Ernährung schwierig durchzuführen, sie müssten auf Tofu und proteinreiche Ersatzprodukte ausweichen.“

Ist Obst erlaubt?

„Der im Obst enthaltene Zucker ist zwar gesünder als Industriezucker, dennoch sollte zu Beginn der Ernährungsumstellung zunächst darauf verzichtet werden. Später ist wieder eine tägliche Obstportion gestattet. Sie sollte direkt nach einer Mahlzeit gegessen werden, dann fällt der Blutzuckeranstieg geringer aus.“

Verzichten Ihre Patienten für immer auf Süßigkeiten?

„Meine Patienten lernen, welche Ernährung ihnen guttut. Wenn sie sich daran halten, können sie auch ab und zu naschen. Natürlich ist auf einem Geburtstag ein Stück Kuchen erlaubt – am besten proteinreicher Quarkkuchen.“ Und was kommt ins Glas? „Wasser, schwarzer Kaffee oder ungesüßter Tee sind erlaubt. Wir verzichten auf Säfte und Softdrinks. Wer abnehmen will, sollte keinen Alkohol trinken. Wenn meine Patienten gut eingestellt sind, darf es auch mal ein Glas Wein sein.“

Warum ist die Eigenverantwortung der Patienten so wichtig?

„Für Frauen mit starken Beschwerden ist die Liposuktion eine Option. Aber grundsätzlich müssen Patientinnen ihr Leben selbst in die Hand nehmen, mit gesunder Ernährung, Sport und Stressreduktion. Meine Botschaft an sie: Akzeptiert euch so, wie ihr seid, anstatt unrealistischen Idealen nachzueifern. Und lasst euch helfen, wenn ihr Hilfe braucht.“

Frau Dr. Faerber, vielen Dank für das Gespräch.

 

Quellen

S1-Leitlinie Lipödem, AWMF Reg.-Nr. 037-012, Stand Oktober 2015. Online veröffentlicht unter: www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/037-012.html (Letzter Zugriff 03.05.2018). 
Faerber, G. Ernährungstherapie bei Lipödem und Adipositas – Ergebnisse eines leitliniengerechtes Therapiekonzepts. vasomed 2016;4:176-177. Online veröffentlicht unter: www.der-niedergelassene-arzt.de/fileadmin/user_upload/zeitschriften/vasomed/Artikel_PDF/2017/04-2017/Faerber.pdf (Letzter Zugriff 03.05.2018).

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