„Die größte Herausforderung ist das sachgerechte Anlegen der Kompression.“

Experten-Interview mit Prof. Dr. med. Knut Kröger, Klinik für Gefäßmedizin des Helios Klinikums, Krefeld

Mit circaid juxtacures erfolgreich Ulcus cruris therapieren

Prof. Dr. med. Knut Kröger ist seit 2009 Direktor an der Klinik für Gefäßmedizin des Helios Klinikums Krefeld. Als Spezialist für innere Medizin, Sportmedizin und Angiologie befasst er sich seit 20 Jahren mit Gefäßerkrankungen, welche die Arterien, Venen und das Lymphgefäßsystem betreffen. Prof. Kröger ist unter anderem Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Angiologie und Mitherausgeber der Fachzeitschrift „Wundmanagement“. Im Interview beantwortet er Fragen zur effektiven Wundtherapie und erklärt, warum die Mitarbeit des Patienten so entscheidend ist.

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Kröger, wie viele Patienten leiden in Deutschland an einem Ulcus cruris?

Hier fehlen verlässliche Zahlen, da nicht alle Betroffenen ärztlich behandelt werden. Ich gehe von mindestens 200.000 bis 300.000 Menschen mit einem floriden Ulcus in Deutschland aus.

Wie lange dauert die Heilung eines Ulcus cruris?

Das ist abhängig vom Patienten und der genauen Krankheitsform. Einige Studien führen an, dass bei 50 bis 60 Prozent der Patienten das Ulcus nach drei bis sechs Monaten abgeheilt ist. Die gleichen Studien sagen aber auch, dass bei 10 bis 20 Prozent das Ulcus nach einem Jahr immer noch nicht verheilt ist, weshalb dies auch nur Durchschnittswerte sind. Dabei spielen zum Beispiel auch das Patientenalter oder konkrete Therapiemaßnahmen eine Rolle. Im Idealfall benötigt die Heilung drei bis sechs Monate, dauert der Prozess länger, läuft irgendetwas falsch.
 
Gibt es direkte Wundspezialisten für die fachliche Betreuung?

Es gibt im engeren Sinne keinen Facharzt für Wundheilkunde, der zwingend in die Wundbehandlung eingebunden sein muss. Wunden können von Chirurgen, Allgemeinärzten, Dermatologen, Angiologen oder Phlebologen behandelt werden. Ideal wäre ein Wund-Team aus verschiedenen Fachärzten. Bei einem diabetischen Fußsyndrom wird beispielsweise ein Diabetologe involviert. Bei einem Ulcus cruris hingehen ist dieser Fachbereich weniger gefordert. Der erste behandelnde Arzt klärt deshalb so genau wie möglich ab, welche Symptome am stärksten ausgeprägt sind und welche Differenzialdiagnose notwendig ist. Dementsprechend empfiehlt er Therapien oder zieht weitere Spezialisten hinzu. Diese Wege sind manchmal lang und könnten durch bessere Strukturen grundsätzlich verkürzt werden. In der Pflege hingegen wäre ein Wundexperte wünschenswert, der sich genau mit den Krankheitsbildern, Materialien und Therapiemöglichkeiten auskennt.

Was ist bei der Diagnostik des Ulcus cruris zu beachten?

Bei jeder chronischen Wunde ist zunächst abzuklären, ob eine arterielle Durchblutungsstörung, Diabetes oder eine Venen- oder Lympherkrankung vorliegt. Diese Standarddiagnostik wird von einem Hausarzt oder einem Gefäßspezialisten vorgenommen. Danach folgt die Differenzialdiagnose. Bei bestimmten Ulcus-Formen muss etwa ein Rheumatologe hinzugezogen werden, da zum Beispiel eine Vaskulitis, also eine Autoimmunerkrankung, besteht und Ursache für das offene Bein ist. Studien zeigen, dass etwa 50 Prozent der Ulcus cruris rein venös sind, bei etwa 20 Prozent liegen ein Ulcus cruris mixtum oder arterielle Veränderungen vor. 70 Prozent der Fälle können also durch die Standarddiagnostik aufgedeckt werden. Bei den restlichen Patienten muss nach anderen, selteneren Ursachen gesucht werden. Dazu gehören Hauterkrankungen, Vaskulitiden, Tumore, Traumata oder auch artifizielle Wundbeibringungen durch den Patienten.

Wie sollte das therapeutische Vorgehen beim Ulcus cruris ablaufen?

Auch das ist von der Grunderkrankung abhängig. Liegt beim Ulcus cruris eine chronisch-venöse Insuffizienz vor, dann steht die Kompressionstherapie im Vordergrund. Ist die Grunderkrankung aber eine Mischung aus Diabetes, einer arteriellen Durchblutungsstörung und einer chronisch-venösen Insuffizienz, ist der Kompressionseinsatz genau abzuwägen. Bei einer stark ausgeprägten peripheren arteriellen Verschlusserkrankung (PAVK) ist Kompression kontraindiziert. Dann muss erst die PAVK verbessert werden, um anschließend die Kompression zu verordnen. Besonders seltene rheumatische Erkrankungen erfordern eine Immunsuppression, zum Beispiel mit Cortison. Heilt das Ulcus unter der Cortison-Therapie ab, kann begleitend eine leichte Kompression sinnvoll sein. Möglich ist auch, dass der Patient sowohl eine PAVK als auch Diabetes hat, dann muss der Arzt genau abwägen, was dieser verträgt. Diabetes geht oft mit einer peripheren Neuropathie einher und der Patient spürt nicht, wann die Kompression eventuell zu eng anliegt.

Welche Rolle spielt die Kompressionstherapie innerhalb der Behandlungsphasen?

Überwiegt die venöse Komponente, dann stellt die Kompression die Basistherapie dar und wird in der Entstauungsphase, der Übergangsphase sowie in der Erhaltungsphase durchgeführt und jeweils angepasst. Während der Entstauung wird das Volumen des Beines reduziert, es wird also mit der Zeit schlanker und die Kompression muss dementsprechend verändert werden. Deshalb nutzen wir hier keine Maßversorgung. Hilfreich sind adaptive Produkte. Wurde das Ödem entstaut, beginnt die Erhaltungsphase mit einem angemessenen medizinischen Kompressionsstrumpf.

Welche Herausforderungen bestehen innerhalb der Kompressionstherapie?

Die größte Herausforderung ist das sachgerechte Anlegen der Kompression. In Deutschland werden in der Entstauungsphase häufig Kurzzugbinden verwendet. Diese haben den Nachteil, dass sie – morgens auf ein geschwollenes Bein angelegt – am Nachmittag durch das Abschwellen des Beins locker werden, nicht mehr richtig sitzen oder rutschen. Die kontinuierliche Kompression ist aber entscheidend für die Entstauung. Hinzu kommt, dass das Personal im ambulanten Pflegedienst häufig wechselt und unterschiedlich geschult ist. Der Patient bekommt die Verbände also von verschiedenen Personen angelegt, die das alle auf ihre eigene Weise machen. Hier werden zuverlässige und kontrollierbare Anlegemaßnahmen benötigt. Der Kompressionsdruck sollte zwischen 30 und 40 mm Hg liegen. In der Realität schwanken diese Werte erheblich. Mit adaptiven Kompressionsmaterialen wie circaid juxtacures liegt sowohl für die Entstauungs- als auch für die Wundphase ein individuell adaptierbares System vor, mit dem der Kompressionsdruck gemessen werden kann. Da es einfach nachjustiert wird, rutscht es nicht herunter. Der geschulte Patient oder auch die Pflegekraft kann mit der zugehörigen Messkarte selbstständig den Druck anpassen. Dann haben wir eine kontinuierliche Kompression in der Entstauungsphase – unabhängig davon, ob der Patient, eine Pflegekraft oder der Arzt die Versorgung anlegt. Diese kontrollierte Kompressionsqualität ist der entscheidende Vorteil von circaid juxtacures.

Wie sollte die Zusammenarbeit zwischen Arzt und Fachhandel aussehen?

Der Arzt sollte genau definieren, was der Patient bekommt: welche Kompressionsklasse, ob Unterschenkel- oder Oberschenkelstrumpf, Flachstrick oder Rundstrick. In der Entstauungsphase legt der Arzt oder ein Pflegedienst die Versorgung an. In der Erhaltungsphase mit medizinischen Kompressionsstrümpfen spielt das Sanitätshaus eine wichtige Rolle. Aber nur wenige Ärzte haben sich in die Vielfalt der Kompressionstherapie eingearbeitet, weshalb viele die Wahl des Produktes dem Fachhandel überlassen.

Welche Rolle spielt die Adhärenz des Patienten?

Der Patient muss aktiv mitarbeiten und die Kompressionsversorgung regelmäßig tragen. Patienten machen häufig den Fehler, diese abzulegen, sobald das Ulcus abgeheilt ist. Einige Wochen später entsteht dann eine neue Wunde oder das Bein wird wieder dick – und dann passt der angemessene Strumpf nicht mehr. Das Verständnis für die Notwendigkeit der kontinuierlichen Kompression ist deshalb der entscheidende Erfolgsfaktor in der Ulcus-Therapie.

Wie können der Heilungsprozess und die Adhärenz des Patienten positiv beeinflusst werden?

Damit der Patient nachvollzieht, warum die kontinuierliche Kompression so wichtig ist, muss er vom Arzt, vom Therapeuten und von den Pflegekräften immer wieder informiert und aufgeklärt werden. Im Idealfall begreift er die Kompressionstherapie als eine adäquate, moderne Therapie, deren Wirkung er in der Entstauungsphase selbst beeinflusst, indem er den Verband nachjustiert. Somit ist er unabhängig von den verschiedenen Pflegern und weiß, dass die Kompression immer gleich angelegt wird. Die Aufklärung ist also ein wesentlicher Bestandteil der Wundversorgung. Der Patient muss fühlen, dass diese moderne, innovative Therapie die richtige für ihn ist und funktioniert.

Herr Prof. Dr. Kröger, vielen Dank für das Gespräch.

zurück zur Übersicht